Was Übersetzungen verlieren
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Dass beim Übersetzen etwas verloren geht, ist eine Binsenweisheit. Weniger geläufig ist, dass ebenso regelmäßig etwas hinzukommt.
Jede Zielsprache erzwingt Festlegungen, die das Original offenlässt: eine Anrede, ein Geschlecht, eine zeitliche Einordnung. Der Übersetzer muss entscheiden, wo der Autor sich nicht entscheiden musste – und trifft damit eine Aussage, die im Ausgangstext schlicht nicht steht.
Besonders deutlich wird dies bei Höflichkeitsformen. Sprachen, die zwischen vertrauter und förmlicher Anrede unterscheiden, zwingen zu einer Angabe über das Verhältnis der Sprechenden, das andernorts unbestimmt bleiben darf.
Eine Literaturübersetzerin verglich ihre Arbeit deshalb weniger mit dem Kopieren als mit dem Aufführen: Zwei Aufführungen desselben Stücks seien nicht deshalb fehlerhaft, weil sie voneinander abwichen.
Der Vergleich hat seine Grenzen, trifft aber den Kern. Wer eine Übersetzung als bloßen Ersatz liest, überschätzt, was sie leisten kann – und unterschätzt, was sie tatsächlich leistet.