Lernen von null · C2 · Kapitel 2 · Lektion 3 von 4

Wer hätte das gedacht?

Who would have thought? — Verstärken statt abschwächen

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Dialog

NuriIn meiner Rede stehen sechs Fragen. Der Redner vor mir hatte keine.

Frau WendtUnd wie viele davon wollen Sie wirklich beantwortet haben?

NuriKeine einzige.

Frau WendtDann sind es keine Fragen, sondern Behauptungen in Frageform.

NuriIst das unehrlich?

Frau WendtNein, aber es ist stark. Wer zuhört, nickt innerlich mit und meint, er sei selbst darauf gekommen.

NuriDeshalb wirkt es besser als eine Aussage.

Frau WendtGenau. Nur: Sechs davon halten Sie nicht durch.

NuriWo ist die Grenze?

Frau WendtBei zwei. Danach merkt das Publikum, dass es gelenkt wird, und wehrt sich.

NuriUnd wenn jemand die Frage laut beantwortet?

Frau WendtDann haben Sie einen Zwischenruf und keine Wirkung mehr. Fragen Sie nie etwas, worauf jemand ehrlich anders antworten könnte, als Sie wollen.

Wörter

  1. die Scheinfrage, die Scheinfragen — the pseudo-question

    Eine Scheinfrage will keine Antwort.

  2. das Kopfnicken — the nodding (no plural)

    Ein stilles Kopfnicken genügt ihr.

  3. die Frageform, die Frageformen — the question form

    Dieselbe Aussage steht hier in Frageform.

  4. das Fragezeichen, die Fragezeichen — the question mark

    Am Ende steht ein Fragezeichen, gefragt wird nichts.

  5. die Überzeugungskraft — the persuasive force (no plural)

    Die Überzeugungskraft liegt im Weglassen.

  6. das Publikum — the audience (no plural)

    Das Publikum merkt so etwas schnell.

  7. der Redner, die Redner — the speaker

    Der Redner machte nach der Frage eine Pause.

  8. die Zuhörerschaft, die Zuhörerschaften — the audience, the listeners

    Die Zuhörerschaft war größer als erwartet.

  9. die Ablehnung, die Ablehnungen — the rejection

    Nach der dritten Frage kam offene Ablehnung.

  10. der Beifall — the applause (no plural)

    Der Beifall kam an der falschen Stelle.

  11. das Einverständnis, die Einverständnisse — the agreement, the consent

    Sie holt sich das Einverständnis ohne Abstimmung.

  12. lenken — to steer, to guide

    Eine Frage lenkt stärker als ein Befehl.

  13. die Lenkung, die Lenkungen — the steering

    Die Lenkung darf man nicht merken.

  14. der Zwischenruf, die Zwischenrufe — the heckle, the interjection

    Ein Zwischenruf zerstört die ganze Wirkung.

Grammatik

DIE RHETORISCHE FRAGE

The rhetorical question

  1. A RHETORICAL QUESTION IS A STATEMENT WEARING A QUESTION MARK. It has the form of a question and wants no answer — the answer is supposed to appear in the listener's own head, which is exactly where it is hardest to argue with.
  2. WHY IT IS STRONGER THAN THE PLAIN STATEMENT: nobody likes being told. A listener who supplies the answer himself feels he thought of it, and defends it afterwards as his own: Aussage: Das kann so nicht weitergehen. Frage: Kann das so weitergehen? The content is identical. The second one has an ally.
  3. THREE FORMS, from soft to hard: reine Scheinfrage Wer hätte das gedacht? Frage mit „denn“ Wie soll das denn gehen? Frage mit „etwa“ Sollen wir etwa noch ein Jahr warten? „etwa“ makes the expected answer NO and is the sharpest of the three — it already calls the other side unreasonable.
  4. THE ONE RULE THAT MATTERS: never ask anything to which someone could honestly answer differently. The moment a real answer comes back from the room, the figure collapses and you are left standing in a discussion you did not plan.
  5. THE RULE OF THUMB FOR REPORT, LETTER AND SHORT SPEECH IS TWO. From the third onwards the audience stops answering in its head and starts noticing the Lenkung. The longer and the more spoken the text, the more it carries. Then the same device that produced agreement produces Ablehnung — and it does that faster in writing than in speech.
Was        Aussage in Frageform, will keine Antwort
Warum      der Zuhörer antwortet selbst und verteidigt
           die Antwort danach als seine eigene
Formen     Wer hätte das gedacht? (weich)
           Wie soll das denn gehen? (mittel)
           Sollen wir etwa warten? (hart, erwartet Nein)
Regel      nie etwas fragen, worauf jemand ehrlich
           anders antworten könnte
Faustregel zweimal, dann merkt man die Lenkung

Tipp: Read your question aloud and imagine the most stubborn person you know sitting in the room. If he could answer „ja, durchaus“ without being ridiculous, the question is not rhetorical — it is a real question, and you have just opened a debate.

Beispiele

  • Es sind keine Fragen, sondern Behauptungen in Frageform.
  • Danach merkt das Publikum, dass es gelenkt wird.
  • Fragen Sie nie etwas, worauf jemand ehrlich Nein sagen könnte.

Übungen

  1. Aufgabe 1 — Was will eine rhetorische Frage? / What does it want?

    (a) eine Antwort
    (b) keine Antwort
    (c) eine Gegenfrage
    Lösung

    (b) keine Antwort. Die Antwort soll im Kopf des Zuhörers entstehen.

  2. Aufgabe 2 — Welches Wort macht die Frage am schärfsten? / Which word is sharpest?

    (a) denn      (b) etwa      (c) wohl
    Lösung

    (b) etwa. Es erwartet ein Nein und nennt die Gegenseite schon unvernünftig.

  3. Aufgabe 3 — Warum wirkt die Frage stärker als die Aussage?

    (a) Sie ist kürzer.
    (b) Der Zuhörer antwortet selbst.
    (c) Sie steht am Textanfang.
    Lösung

    (b) Der Zuhörer antwortet selbst und verteidigt die Antwort danach als seine eigene.

  4. Aufgabe 4 — Richtig oder falsch? / True or false?

    Je mehr rhetorische Fragen, desto stärker die Rede.
    Lösung

    falsch / false. Als Faustregel: ab der dritten merkt das Publikum die Lenkung und wehrt sich.

  5. Aufgabe 5 — Mach die Aussage zur Frage / Turn it into a question

    Setz das schärfste der drei Wörter ein — das, welches ein
    klares Nein erwartet.
    "Wir sollen das nicht auch noch bezahlen." →
    "Sollen wir das ______ auch noch bezahlen?"
    Lösung

    etwa. (Sollen wir das etwa auch noch bezahlen?)

Mini-Test

  1. Frage 1

    Warum überzeugt eine Frage besser als eine Behauptung?
    Lösung

    Weil der Zuhörer die Antwort selbst findet. Was man sich selbst gedacht hat, verteidigt man.

  2. Frage 2

    Welche Frage darf man auf keinen Fall stellen?
    Lösung

    Eine, auf die jemand ehrlich anders antworten könnte. Dann kommt ein Zwischenruf und die Wirkung ist weg.

  3. Frage 3

    Wo liegt die Grenze, und was passiert danach?
    Lösung

    Bei zwei. Danach merkt das Publikum die Lenkung, und aus Zustimmung wird Ablehnung.