Lernen von null · C2 · Kapitel 10 · Lektion 1 von 4

Stil ist Auswahl

Style is choice — Der eigene Ton

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Dialog

SaraMeine Texte sind richtig. Aber sie klingen nach niemandem.

Herr VoglDann fehlt die Auswahl. Stil ist nichts anderes.

SaraIch dachte, Stil sind besondere Wörter.

Herr VoglNein. Stil ist, welche von zehn richtigen Möglichkeiten Sie jedes Mal nehmen.

SaraUnd woran erkennt man ihn?

Herr VoglAn Wiederholungen. Wer immer kurze Sätze schreibt, hat einen Stil. Wer immer lange schreibt, auch.

SaraAlso an Gewohnheiten.

Herr VoglGenau. Nehmen Sie drei Ihrer Texte und suchen Sie, was in allen dreien vorkommt.

SaraUnd wenn mir das nicht gefällt?

Herr VoglDann ändern Sie eine einzige Gewohnheit. Nicht drei, eine.

SaraDarf ich mir jemanden zum Vorbild nehmen?

Herr VoglLesen ja, nachmachen nein. Wer nachmacht, bekommt einen fremden Ton und verliert den eigenen.

SaraDer eigene kommt also von allein?

Herr VoglEr ist schon da. Sie haben ihn nur noch nicht angesehen.

Wörter

  1. der eigene Ton — one's own tone (no plural)

    Der eigene Ton entsteht aus Gewohnheiten.

  2. die Vorliebe, die Vorlieben — the preference

    Jeder hat Vorlieben, ohne sie zu kennen.

  3. die Eigenart, die Eigenarten — the characteristic trait

    Diese Eigenart zieht sich durch alle Texte.

  4. der Duktus — the manner of writing (no plural)

    Am Duktus erkennt man den Verfasser.

  5. die Handschrift des Autors — the author's signature (no plural)

    Die Handschrift des Autors sieht man erst im Vergleich.

  6. das Vorbild, die Vorbilder — the model

    Ein Vorbild liest man, man kopiert es nicht.

  7. die Nachahmung, die Nachahmungen — the imitation

    Eine Nachahmung bleibt immer zweiter Sieger.

  8. nachahmen — to imitate

    Wer nachahmt, verliert den eigenen Ton.

  9. der Stil des Hauses — the house style (no plural)

    Der Stil des Hauses steht über dem eigenen.

  10. die Schreibkultur, die Schreibkulturen — the writing culture

    Jede Branche hat ihre Schreibkultur.

  11. die Wortdichte — the density of words (no plural)

    Eine hohe Wortdichte ermüdet den Leser.

  12. die Wortökonomie — the economy of words (no plural)

    Wortökonomie ist eine Form von Höflichkeit.

Grammatik

WORAN MAN EINEN EIGENEN STIL ERKENNT

How to recognise a style of your own

  1. STYLE IS NOT A SET OF SPECIAL WORDS. Every sentence in German can be built in a dozen correct ways; style is which of them you take, again and again, without deciding each time. That is why it can only be seen across several texts, never in one.
  2. FOUR PLACES WHERE HABITS SHOW, and you can check all four in ten minutes: die Satzlänge immer kurz? immer lang? gemischt? das Verb starke Verben oder Nomen mit „machen“? die Anrede Sie / du / man / wir der Anfang beginnen Sie immer mit dem Subjekt? Take three of your own texts and mark all four. What repeats is your style — not what you like, what you do.
  3. CHANGE ONE HABIT AT A TIME. Somebody who decides to write shorter sentences, use more verbs and start differently will usually be writing nothing at all a week later. One change, four weeks, then the next. That is slow and it is the only way that holds.
  4. READ MODELS, DO NOT COPY THEM. A writer you admire has habits that grew out of his subject and his readers, not yours. Copied habits sit on a text like a borrowed coat — the reader cannot say why, but he hears that something does not fit.
  5. THE HOUSE STYLE OUTRANKS YOUR OWN. In a company, an authority or a newspaper, the Stil des Hauses decides: their salutation, their length, their forms. That is not a loss of style — a professional is somebody who can write in a style that is not his own and still write well.
Was Stil ist   nicht besondere Wörter, sondern die AUSWAHL
               unter lauter richtigen Möglichkeiten
vier Stellen   Satzlänge, Verb oder Nomen, Anrede,
               Satzanfang
ändern         eine Gewohnheit, vier Wochen, dann die nächste
Vorbilder      lesen ja, nachmachen nein
Rangfolge      der Stil des Hauses steht über dem eigenen

Tipp: Print three of your own texts and read only the first three words of every sentence. That column alone shows more about your style than any advice book — most people are surprised how often their sentences begin the same way.

Beispiele

  • Stil ist, welche von zehn richtigen Möglichkeiten Sie nehmen.
  • Dann ändern Sie eine einzige Gewohnheit. Nicht drei, eine.
  • Lesen ja, nachmachen nein.

Übungen

  1. Aufgabe 1 — Was ist Stil? / What is style?

    (a) besondere Wörter
    (b) die Auswahl unter richtigen Möglichkeiten
    (c) fehlerfreies Schreiben
    Lösung

    (b) die Auswahl unter richtigen Möglichkeiten. Fast jeder Satz lässt sich auf viele Arten bauen.

  2. Aufgabe 2 — Wo sieht man einen Stil? / Where is a style visible?

    (a) in einem Satz
    (b) in einem Text
    (c) erst über mehrere Texte
    Lösung

    (c) erst über mehrere Texte. In einem Text sieht man nur Zufall.

  3. Aufgabe 3 — Wie viele Gewohnheiten ändert man auf einmal?

    (a) eine      (b) drei      (c) alle
    Lösung

    (a) eine. Wer drei gleichzeitig ändert, schreibt bald gar nichts mehr.

  4. Aufgabe 4 — Richtig oder falsch? / True or false?

    Wer im Stil des Hauses schreibt, hat keinen eigenen Stil.
    Lösung

    falsch / false. Ein Fachmann kann in einem fremden Stil schreiben und trotzdem gut schreiben.

  5. Aufgabe 5 — Prüf dich selbst / Check yourself

    Nenne eine der vier Stellen, an denen Gewohnheiten sichtbar
    werden.
    "Zum Beispiel ______."
    Lösung

    die Satzlänge. (Auch: das Verb, die Anrede, der Satzanfang.)

Mini-Test

  1. Frage 1

    Warum sieht man Stil nie an einem einzigen Satz?
    Lösung

    Weil Stil die Wiederholung einer Auswahl ist. In einem Satz ist jede Wahl noch Zufall.

  2. Frage 2

    Nenne die vier Stellen, an denen sich Gewohnheiten zeigen.
    Lösung

    Satzlänge, Verb oder Nomen, Anrede und Satzanfang.

  3. Frage 3

    Was macht man mit einem Vorbild, und was nicht?
    Lösung

    Man liest es. Man macht es nicht nach — nachgemachte Gewohnheiten sitzen wie ein geliehener Mantel.